Geschichte Angehörige:r

Nikitas, 24

»Der Moment, als ich das erste Mal die schwindende Gesundheit meines Vaters bemerkte, war wie ein ruckartiger Abschluss meines Erwachsenwerdens. Die kindliche Naivität des Glaubens an die Unverwundbarkeit des Vaters zerschellte urplötzlich im Angesicht des Gewichtsverlustes meines Vaters. Das war ungefähr zwei Jahre vor seinem Tod. Tür an Tür erlebte ich den langsamen und unaufhaltsamen Prozess der gesundheitlichen Verschlechterung, wenngleich die Familie nie die Hoffnung verlor.

Mein Vater verstarb im Juni 2021 nach fast zwei Jahren Kampf gegen den Lungenkrebs – da war er 67 Jahre, ich 23 Jahre alt. Freiheit war das wertvollste Gut in seinem Leben. So wichtig, dass er nahezu alles diesem Prinzip unterordnete. Er lebte seine Freiheit aus in den radikalsten Formen, Freiheit als Lebensphilosophie, ohne Regeln, ohne gesellschaftliche Zwänge. Lieber kurz und glücklich leben, als lang und unglücklich. Seine Krankheit nahm ihm diese Freiheit. Er sagte mir als Kind wiederholt, dass er niemals an diesen Punkt kommen wolle, wo er nicht mehr der vollkommenen Selbstständigkeit fähig sei. Ich glaube, das war seine größte Angst. Diese Angst manifestiert zu sehen in seiner fortschreitenden Erkrankung, und seine eigene Ohnmacht, das war für mich das Schlimmste.

Rückblickend bereue ich einiges, gleichzeitig bin ich sehr glücklich darüber wie und wen ich als meinen Vater erleben durfte. Ich bereue, ihm manchmal das Gefühl gegeben zu haben, er müsse sich vor mir rechtfertigen für die traumatisch-schicksalhaften Umstände seiner Kindheit und seines Lebens, die ihn auf Schritt und Tritt verfolgt haben. Ich bereue, dass wir uns nur selten direkt unsere Liebe zeigen konnten.

Ich bin glücklich darüber, einen so grenzenlos liebevollen Vater gehabt zu haben, bereit jederzeit alles für seine Kinder zu opfern. Ich bin glücklich darüber, einen Vater gehabt zu haben, der immer zuerst an uns und dann an sich gedacht hat, auch wenn ihm das zum Verhängnis wurde. Ich bin glücklich darüber einen Vater gehabt zu haben, welcher ein solch ungezwungen-einzigartiges Leben geführt und mit einem gelassenen Lächeln den Härten seines Lebens entgegengetreten ist.

Nach seinem Tod fiel ich in ein Vakuum der innerlichen Leere. Ich komme gut mit schwierigen Situationen zurecht und habe auch diese überstanden, nichtsdestotrotz habe ich diese Leere auch mit Arbeit und Studium gefüllt. Ablenkung ist gut, endlose Trauer nicht unbedingt. Wenn ich jedoch die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich mich für weniger Ablenkung und mehr Trauerarbeit entscheiden. Das sage ich mir im Nachhinein. Würde ich es tatsächlich anders machen? Ich weiß es nicht.«

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